Brief an Angelique

Liebe Angelique!

Du warst vor Deinem Traumjahr 2016 eine tolle Frau und Du bist es auch heute noch. Super sympathisch, zurückhaltend, bescheiden, leise – im Triumph genauso wie in der Niederlage. Und von denen hast Du ja bekanntlich in diesem Jahr bereits eine ganze Menge einstecken müssen. Gegen Spielerinnen, die Du als Nummer Eins der Welt eigentlich schlagen müsstest. Hin und wieder zumindest. Für Deine sportlichen Leistungen in diesem Jahr gab und gibt es ebenso viel berechtigte wie unberechtigte Kritik und auch einige hämische User- und Fan-Kommentare im Netz. Natürlich ist dies nicht immer fair. Aber: Mit dem heutigen 2:6, 2:6 gegen Makarova in Runde Eins der French Open musst Du jetzt wirklich den »Masterschalter« suchen und finden.

Der nicht selten von außen geforderte Radikalschlag in Deinem Team à la Djokovic ist hierbei sicher nicht ratsam. Menschen wie Freund und Coach Torben Beltz oder Manager Aljoscha Thron und viele andere in Deinem Umfeld sind voll auf Deiner Seite und haben Dir schließlich geholfen, die Nummer Eins zu werden. Auch bezweifle ich, dass Dir die eine oder andere »Audienz« bei Steffi Graf, so, wie es Boris Becker heute eindringlich empfahl, entscheidend weiter hilft. Ergänzend solltest Du aber mal andere Top-Coaches auf Dich schauen lassen. Manchmal sind es Nuancen. Manchmal wird der Stammcoach betriebsblind. Ein »Dritter« schaut und sieht vielleicht ad hoc etwas, was vorher niemand sah. Du weißt sicher sehr genau, worauf ich hinaus will: wenn nur einer dabei ist, der Dir den entscheidenden Tipp für einen gescheiten Aufschlag gibt, bist Du schon sehr bald wieder auf der Siegerstraße. Du wirkst schlank und fit, Biss hast Du sowieso wie kaum eine Zweite auf der Tour, was fehlt ist aber eine »echte Waffe«. Im letzten Jahr war es Deine Unbekümmertheit, die Dich den berühmten Teppich von hinten aufrollen ließ. Damit hast Du viele Spielerinnen von Grund auf überrascht. Hast Dich nach und nach in einen regelrechten Rausch gespielt. Konntest Deine Aufschlagschwäche kompensieren. Nun aber hat sich die Konkurrenz längst auf Dich eingestellt. Ich sehe bis dato nicht, dass Du Deine Konkurrentinnen auch in diesem Jahr irgendwie überraschen könntest. Ich sehe keine Weiterentwicklung. Du stagnierst. Das ist gefährlich. Hol Dir temporär doch mal jemanden ins Team, der Torben unterstützt. Wie Du braucht auch er – nachdem Ihr gemeinsam den Gipfel erklimmen konntet – immer wieder neue Impulse. Allein ein zuverlässiger starker Aufschlag würde Dein Spiel genauso wie Dein Selbstvertrauen wieder in die richtige Richtung kippen lassen. Ich wünsche es Dir so sehr.

Liebe Grüße, Dein Christoph

Über Christoph Kellermann 625 Artikel
Christoph Kellermann kennt den Tennissport aus dem Eff-Eff. Seit 1980 ist er am Ball. Zunächst als Spieler, dann als Coach. Seit vielen Jahren ist er als Mitglied des Verbandes Deutscher Sportjournalisten redaktionell aktiv. 1990 gründete er den heutigen »TWNR«, ehemals »Tennisredaktion.de«...