Hordorff redet Tacheles

TWNR-INTERVIEW – Das Internetportal TWNR.de versteht sich als Sprachrohr seiner User. In den vergangenen Wochen und Monaten gab es an der Tennisbasis reichlich Gesprächs- und Diskussionsbedarf. Hier die wichtigsten Themen noch einmal aneinandergereiht: Turnierspielerentgelte, Turnierausrichtergebühren, Nachwuchskonzept, Verbandsbälle und verpflichtender Online-Campus. Fast immer im Fokus der zahlreichen Tenniseltern, Trainer und Turnierspieler: Dirk Hordorff, Vizepräsident Sport im Deutschen Tennis Bund. Nun stand Dirk Hordorff (Fotos: Hasenkopf) Christoph Kellermann von TWNR.de zu allen Themen ausführlich Rede und Antwort und führte hierbei nach eigener Aussage „das längste Interview seines Lebens“. Sein Motto: „Offene und ehrliche Fragen verdienen offene und ehrliche Antworten.“

TWNR.de: Dirk, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst für dieses große Interview. Die Tennis-Basis ist  mehr als unruhig, ob der ganzen Zwangsabgaben und Verpflichtungen, die durch den DTB bereits abgesegnet wurden bzw. noch im Raum stehen.  Dirk Hordorff: Das wird alles etwas hochgepusht. Man sollte das differenzierter betrachten. Sicher gibt es Themen, die man kontrovers diskutieren kann und sollte. Aber mit Sachverstand, Fairness und Stil. Dazu bin ich auch immer bereit.

Du hast bereits im Vorfeld angekündigt, dass wir etwas Zeit brauchen, um alle Fragen vollständig abzuarbeiten und dass Du zu gewissen Themen ein wenig weiter ausholen möchtest… Ja, es sind viele interessante Themen zu besprechen. Die kann man nicht mit Schlagwörtern oder kurzen Sätzen beantworten. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass einige Antworten ausführlicher und umfassender sind als normal.

Einverstanden! Beginnen wir mit dem Thema »Verbandsbälle«. Du hast ja als damaliger Präsident des Hessischen Tennis-Verbandes mit dem »Hessenball« den Anstoß ausgeführt. Sicher war Hessen Vorreiter in dieser Thematik. Und darauf ist der Hessische Tennis-Verband auch stolz. Es war nicht meine Idee, hier irgendwelche Neuerungen zu gestalten, vielmehr hatte die Basis in Hessen mir als neugewählten Präsidenten vor acht Jahren aufgetragen, die Thematik der immer steigenden Ballpreise für die Team-Tennis-Runde anzugehen. Darum habe ich mich gekümmert.

Wie wurde das Thema genau angegangen? Wir im HTV hatten damals – ohne irgendwelche Tabus vorzugeben – eine Kommission gegründet, die mit Lösungsvorschlägen beauftragt wurde. Hier habe ich zwei Präsidiumsvertreter, den damaligen Ehrenpräsidenten Dr. Wolfgang Kassing und den HTV-Schatzmeister Friedrich Hesse, sowie mit Steffen Hahn und Joachim Weidenbörner zwei Vertreter aus den Tennisbezirken und zwei Vereinsvertreter genannt. Die beiden Letzgenannten vertraten einen größeren und einen kleinen Verein, die mir beide nicht bekannt waren. Ich selber war kein Mitglied dieser Kommission, die alle Varianten geprüft hat und letztendlich einstimmig dem Präsidium vorschlug, einen eigenen Ball mit hoher Qualität und einem verträglichen Verkaufspreis als Team-Tennis-Ball zu nehmen. Mit Tennis-Point hatten wir einen Partner gefunden, der uns sowohl die notwendige Größe, das notwendige Know-how wie auch die professionelle Logistik anbieten konnte. Präsidium und Verbandsausschuss haben diese Lösung dann mit allen Bezirken einstimmig beschlossen.

Und die anschließende Faktenlage? Die hessischen Vereine konnten durch den Balleinkauf ca. 300.000 Euro jährlich einsparen. Das war mein Auftrag von den Vereinen, den habe ich umgesetzt. Die Verbraucher und Käufer des Team-Tennis-Balls konnten ebenfalls große Ersparnisse erzielen, also die Medenspieler der Vereine. Der Ballmarkt hat seit dieser Zeit die Preiserhöhungen nicht mehr in dem Maß erlebt, wie vorher, auch bestimmt ein Verdienst des HTV. Der HTV-Ball kostet auch heute noch unter zehn Euro, der Preis ist stabil und ich gehe auch in den kommenden Jahren davon aus, dass dieser Preis stabil bleiben wird. Der HTV hatte kein finanzielles Risiko, dieses wurde von unserem Partner Tennis-Point übernommen. Zusätzliche Einnahmen konnten durch die Gewinnung von Rosbacher Mineralwasser als Werbepartner erzielt werden. Der HTV hat durch das Verbandslogo darüber hinaus einen Werbewert erzielt. Ball und Qualität wurden von der überwiegenden Mehrheit als »sehr gut« bewertet.

„Habe nichts vererbt und lebe auch noch!“

Es gibt User, die vermuten, Du würdest an dem Balldeal mitverdienen. Das ist ein sehr ernstes Thema: Informanten und User, die sich nicht outen und Unwahrheiten, Lügen und Gehässigkeiten von sich geben. Ich würde gerne mal einen von denen mit Namen kennen. Wer sich zum Beispiel outet und erklärt, dass ich Geld an den Ballverkäufen in Hessen oder in einem anderen Verband verdiene, dem verspreche ich all‘ das, was juristisch möglich ist: von der Verleumdungsklage angefangen bis zur Unterlassungserklärung. Ich bin gerne bereit, mich sachlich über Themen auszutauschen, aber für haltlose Verleumdungen und schmutzige Lügen stehe ich nicht zur Verfügung. Der »TWEENER« sollte nicht Plattform für verlogene Informanten oder anonyme Lügenerzähler sein.

Dirk, das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Anonyme Beiträge wollen wir auf TWNR.de aber in Zukunft versuchen, zu vermeiden. Stattdessen möchten wir – wie Du auch – dass Ross und Reiter genannt werden. Ein offenes Visier. Zurück zum Verbandsball: Weitere Landesverbände haben bereits nachgezogen. Es wird behauptet, dass Du Deine Idee an andere Landesverbände vererbt haben und anscheinend auch an den Ballverkäufen partizipieren sollst. Kläre uns doch einmal auf, wie es sich tatsächlich verhält. Natürlich habe ich nichts vererbt und ich lebe auch noch. Andere Landesverbände haben das HTV-Ballprojekt sehr aufmerksam beobachtet. Und natürlich haben sie auch den HTV zu dessen Erfahrungen befragt. Hier habe ich immer an unseren Ehrenpräsidenten, Dr. Wolfgang Kassing, verwiesen, der unsere Überlegungen und Erfahrungen sowie unser Wissen zu dieser Thematik mit Kollegen aus anderen Verbänden geteilt hat. Und das – wie unter Freunden üblich – kostenlos und ohne jegliche Absichten, irgendwelche Gelder zu verdienen.

Kommen wir zu den so genannten Turnierspielerteilnehmergebühren. In unserem Diskussionsforum auf TWNR.de prangert eine Tennismutter nicht zu Unrecht die »explodierenden« Turnierstartgelder an. Zwangsabgaben für jede einzelne Turnierteilnahme für Erwachsene und neuerdings auch für Jugendliche. Kann man ein Startgeld von 50 Euro für die Teilnahme an einem DTB-Ranglistenturnier noch rechtfertigen bzw. gibt es für die Teilnehmer einen Mehrwert? Erst einmal steht es jedem Teilnehmer frei, sich das Turnier auszusuchen, wo er spielen möchte. Bei den Jugendlichen kostet das Teilnehmergeld nicht 50 Euro. Aber es ist richtig, auch Teilnehmergelder steigen, so wie viele Abgaben, wie viele Preise im Leben. Jetzt wurde in diesem Jahr eine Gebühr, die auch für Jugendliche gilt, eingeführt. Dass dieses nicht nur Beifall findet, war klar. Und auch verständlich. Aber von »explodierenden« Turnierstartgeldern zu reden, ist natürlich ebenfalls maßlos übertrieben. 3 Euro für einen Jugendlichen für ein LK-Turnier oder 5 Euro für ein Ranglistenturnier – das sind keine unzumutbaren Belastungen. Der DTB organisiert mit seinen Verbänden die Turnierlandschaft, erstellt Turnierkalender, erfasst die Ergebnisse, berechnet die Ranglisten. Das alles kostet Geld. Und Kosten steigen auch im deutschen Tennis, sei es Personalkosten, Steuern, Abgaben oder Gebühren. Es ist vielen auch bei uns nicht leichtgefallen, diese Gebühren zu beschließen, das wurde gewiss nicht leichtsinnig gemacht. Der ganze Prozess der Entscheidung hat drei Jahre gedauert und war auch innerhalb des DTB und seiner Verbände umstritten. Aber am Schluss hat man fast einstimmig die Überzeugung gehabt, dass es notwendig und richtig ist. Eins sollte man hier noch mal deutlich machen: ohne den Einsatz so vieler Ehrenamtler wäre das alles nicht für diese Gebühren zu machen. Und denen sollte der Dank aller gelten, auch derer, die sich über die beschlossenen Gebühren aufregen.

Gelder von jugendlichen Turnierspielern zu nehmen, um die Jugendförderung zu intensivieren – ist das nicht der perfekte Widerspruch?! Zumal Du ja vor Deiner Tätigkeit beim DTB genau diese Jugendförderung öfters offen hinterfragt bzw. kritisiert hast? Das war eine klassische Fehlmeldung und Fehldarstellung. Das Geld der jugendlichen Turnierspieler, besser gesagt aller Turnierspieler, ist nicht beschlossen worden, um die Jugendförderung zu intensivieren. Diese Gebühr war notwendig, um die Kosten des DTB zu refinanzieren. Jeder, der sich seriös mit der Thematik beschäftigt, weiß, dass der DTB viele Jahre lang Schwierigkeiten hatte, seine originären Aufgaben zu finanzieren und ohne Sonderumlagen der Landesverbände in Zahlungsschwierigkeiten gekommen wäre. Und ohne einen ausgeglichenen Haushalt, ohne vernünftige Zahlen, hätte der DTB nicht in die Förderung des Bundesinnenministeriums aufgenommen werden können. Insoweit kann man natürlich einen Zusammenhang konstruieren, der heißt: Durch die Einführung der Gebühr ist der Haushalt des DTB nicht unterfinanziert und solide aufgestellt und dadurch erhält der DTB Gelder aus öffentlichen Mitteln für die Leistungsförderung von Jugendlichen. Und wenn man uns kritisieren möchte, dass wir haushaltspolitisch vernünftig sind und dass es uns erstmalig in der Geschichte des DTB gelungen ist, durch das BMI wie fast alle anderen Sportarten gefördert zu werden, dann sehe ich das sehr gelassen und freue mich, dass uns dieses gelungen ist. Insbesondere freut es mich für all‘ die Jugendlichen, die jetzt eine faire Chance erhalten, sich international zu behaupten, weil sie von ihrem Verband eine ordentliche Förderung erhalten.

In unserem Diskussionsforum fällt immer wieder Dein Name. Vermutlich deshalb, weil es der einzige prominente Name innerhalb des DTB-Präsidiums ist. Vermutlich aber auch, weil man sich erhoffte, dass mit Dir ein echter Macher das Ruder übernimmt. Ein Macher, der die Sprache der Tennisbasis spricht. Vor allem die Trainer und Übungsleiter unter unseren Usern haben sich klar und deutlich sehr negativ zum Thema und zur Qualität des »Online-Campus« geäußert. Die kostenpflichtige Registrierung für dieses Online-Tool soll künftig für alle lizenzierten Trainer ein Muss werden, wollen sie im Besitz ihrer Lizenzen bleiben. Hältst Du dieses Konzept wirklich für umsetzbar und vor allem auch für juristisch korrekt? Der Online-Campus ist ein fantastisches Medium. Und das wir sowas brauchten, das haben die Trainer über viele Jahre gefordert. Jahrelang hat die »Kommission Ausbildung« dieses angemahnt. Und wer sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt, der will doch nicht zurück zu Büchern, die nach Erscheinen nicht zu ändern sind, der will doch nicht zu kopierten Handzetteln oder CDs zurück, die immer schnell veralten. Wer will denn wirklich bestreiten, dass in unserer heutigen Internet-Welt der Online-Lehrplan mit der Technik von modernen Videoanimationen, mit immer aktuellem Stand des Wissens nicht der richtige Weg ist?

Aber ist dieser Finanzierungsweg der Richtige? Und noch einmal: Ist die verpflichtende Anmeldung zum Online-Campus für alle lizenzierten Trainer juristisch abgesichert? Sicher kann man über die Finanzierung unterschiedlicher Meinung sein. Ich bin aber klar der Auffassung, dass auch schon ausgebildete Trainer, sofern sie die Lizenz behalten und ihre Tätigkeit weiter ausüben wollen, eine Pflicht haben, sich weiter- und fortzubilden. Und das nicht nur alle vier Jahre bei C- und alle drei Jahre bei B-Trainern, sondern regelmäßig. Dass unsere Trainer die Chance haben, sich auf den neuesten Stand der Ausbildung zu bringen, kommt auch jedem Schüler zugute, der darauf vertrauen kann, dass das Qualitätssiegel »DTB-Trainer« auch für entsprechende Qualität bürgt. Und die Argumentation, dass es eine Menge Trainer gibt, die gar nicht mehr unterrichten, aber nicht einsehen, dass sie eine jährliche Gebühr für den Online-Campus zahlen müssen, überzeugt mich überhaupt nicht. Wer nicht mehr Trainer sein will, der braucht auch keine DTB-Trainer-Lizenz. Viel wichtiger ist, dass diejenigen, die unterrichten, immer hervorragend ausgebildet sind und die neuesten Kenntnisse haben. Und wir in Deutschland sind stolz auf unsere Trainerausbildung. Wir haben die höchste Beurteilung durch die ITF für unseren Ausbildungsbereich erhalten, den Gold-Status. ITF und DOSB befürworten unseren Online-Campus. Selbstverständlich haben wir auch die rechtliche Seite vorher sorgfältig geprüft. Und abschließend: 19 Euro im Jahr für einen Trainer, der seinen Beruf ausübt. Ich kenne wenige Selbstständige, die weniger im Jahr an Beitrag zahlen für die Ausübung ihres Berufes.

„Hatte nicht vor, den Trainerberuf auszuüben…“

Vielen Tennisfans in aller Welt bist Du ja in erster Linie als ATP-Tour-Coach bekannt, unter anderem hast Du Rainer Schüttler in die Top 5 geführt. Deine Kompetenzen auf diesem Gebiet sind unbestritten. Bist Du selbst eigentlich auch im Besitz einer DTB-Trainer-Lizenz? Ich hatte das Glück, 20 Jahre lang Rainer Schüttler von der Jugend an bis zu seinem Karriereende coachen zu dürfen. Außerdem auch Lars Burgsmüller und Yen Hsun Lu über 10 Jahre, aber auch Ricardas Berankis, Sergej Stakhovsky oder Danai Udomchoke, die alle in den Top 100 ATP standen. Seit fünf Jahren coache ich Janko Tipsarevic, der es zweimal geschafft hat, das Masters der acht weltbesten Spieler zu erreichen und den Davis Cup mit Serbien zu gewinnen. Nach meinem Studium der Betriebswirtschaft an der Johann Wolfgang von Goethe Universität hatte ich nicht vor, den Trainerberuf auszuüben. Deshalb habe ich auch nie einen DTB-Trainerschein gemacht. Aber ich habe den ATP Coach, den A Level GPTCA und den PTCA Accredited Master Professional h.c. , International Gold member und habe Coaching in Sport bei der Research Newport University mit dem Abschluss Bachelor studiert. Zurzeit mache ich das Master Studium in »Coaching in Sport«. Und da ich acht Jahre im HTV Vizepräsident für Breitensport, Schultennis und Lehrwesen war, hätte es irgendwie nicht gepasst, mir selber einen DTB-Trainerschein zu unterschreiben. Christoph, stell Dir mal vor, ich würde heute als Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, unter anderem verantwortlich für den Bereich »Ausbildung«, einen Trainerschein machen. Was würden dann anonyme User oder Informanten alles für Vermutungen erfinden?! Gar nicht vorstellbar.

Stimmt. Das hätte ein Geschmäckle. Werden die Verbands- und Bundestrainer eigentlich von der Zahlungspflicht am »Online-Campus« befreit? Bundestrainer sind Angestellte des DTB. Und wie jeder Angestellte in Deutschland haben sie ein Recht auf Fortbildung. Deswegen sind sie von der Zahlungspflicht bei Tennis-Gate befreit. Außerdem leisten die Bundestrainer wichtige Beiträge im Ausbildungsbereich, sei es auf dem DTB Tennis Kongress in Berlin oder bei anderen Fortbildungen. Und jeder Landesverband hat eine gewisse Anzahl an Freizugängen, da gehe ich davon aus, dass diese dann den Verbandstrainern zu Verfügung gestellt werden.

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, Du wärest am »Online-Campus« von Tennis-Gate finanziell beteiligt. Das Impressum von Tennis-Gate führt unter anderem Deinen Namen. Fließen von dort aus Gelder an Dich? Na, ja, dann haben wir ja wieder mal eine Frage, die meinen Puls steigen lässt. Ich habe nie für irgendeine ehrenamtliche Tätigkeit direkt noch indirekt Gelder erhalten und natürlich auch nicht von Tennis-Gate. Als zuständiger Vizepräsident bin ich im Redaktionsbeirat des DTB, der letztendlich über den Inhalt des Online-Campus entscheidet. Weder dort noch in irgendeiner anderen Form bekomme ich dafür irgendeine Vergütung. Zusammengefasst: Ich bin an Tennis-Gate weder finanziell noch in irgendeiner anderen Form beteiligt und wie vorhin schon erwähnt: Wenn einer diese Behauptung mit Angabe seines Namens aufstellt, freue ich mich, ihn juristisch zu belangen. Denn ich bin es leid, mich von Schmutzfinken und solchen Lügnern mit Dreck bewerfen zu lassen und ehrenrührige Anschuldigungen zu akzeptieren.

Thema Veranstalter- und Turnierteilnehmergebühren. Tennis-Kollege Oliver Schmidt aus Köln hat eine Online-Petition ins Leben gerufen. Hierbei geht man auf die Hinterbeine, was vor allem die Zwangsgelder für Turnierveranstalter und –Teilnehmer angeht. Knapp 2.000 Tennisenthusiasten haben sich bis dato bereits eingeschrieben. Nimmt der DTB diese »Opposition« lediglich als Minderheit zur Kenntnis oder setzt Ihr Euch mit derartigem Widerstand ernsthaftt auseinander? Es wäre jetzt wohl nicht richtig, alle oben genannten Argumente und Gründe für die Einführung der Gebühr für Turnierspieler hier noch mal zu wiederholen. Dass Gebühren nicht Jedermanns Beifall finden, ist verständlich und war abzusehen. Ich verteile auch lieber Wohltaten und Geschenke, als Beiträge oder Gebühren zu erheben. Aber wenn man Verantwortung hat, wenn man einen Verband leitet, dann muss man auch Entscheidungen treffen, die nicht nur auf Beifall stoßen. Und es wäre schön, wenn sich diejenigen, die diese Entscheidungen kritisieren, vorher mit der Thematik und der Problematik seriös beschäftigen würden. Die Alternative zur Turniergebühr wäre z.B. eine Beitragserhöhung für alle Vereine gewesen oder die Verringerung der Leistungen, die der DTB seinen Mitgliedern zur Verfügung stellt, z.B. auch durch Entlassen von Mitarbeitern, oder im Extremfall die Insolvenz. Einfach nur »dagegen« zu sein, ist einfach, hilft aber nicht bei der Lösung der Probleme. Natürlich wussten DTB und Verbände, dass es Proteste geben würde und man nimmt das mehr als ernst.

Wird Tennis ob der ganzen Abgaben, die sich ohne jeden Zweifel aufs Jahr gesehen summieren, mittelfristig gesehen wieder elitär, also ein Sport für so genannte »Reiche«? Natürlich nicht. Tennis ist weder teuer, noch ein Sport für »Reiche«. Der DTB hat 1,5 Millionen Mitglieder, eine Million spielt in kommerziellen Hallen und eine weitere Million in Betriebssportgruppen, Schulen oder im Urlaub. Es wäre schön, wenn die alle reich wären und wir 4 Millionen reiche Tennisspieler in Deutschland hätten. Das gibt die Statistik aber nicht her. Tennis ist Volkssport und insbesondere bei den Kindern und Jüngsten beliebt und »in«. Wir müssen daran arbeiten, dass wir diese Jugendlichen nicht im Alter von 14 bis 40 verlieren, müssen die gesellschaftlichen Herausforderungen wie Ganztagsschule und Flexibilität am Arbeitsplatz berücksichtigen und da die richtigen Antworten finden. Das sind die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Fünf Euro Turnierabgabe ist bestimmt nicht das Problem im Tennis, da gibt es wie gesagt andere Punkte, die viel wichtiger sind.

Als Du vor einigen Jahren im Wahlkampf um das Präsidentenamt warst, hattest Du angekündigt, im Falle Deiner Wahl als erste Maßnahme alle Bezirks- und Verbandstrainer zu entlassen, diese neu zu sichten und die Positionen dann entsprechend neu zu besetzen. Nun bist Du als DTB-Vize schon etwas länger verantwortlich für den Leistungssport. Wann schreibst Du die Kündigungen? Das ist viele Jahre her. Da hatte der DTB noch viele Trainer. Als ich vor zwei Jahren zum Vizepräsidenten des DTB gewählt wurde, war das anders. Da gab es mit Peter Pfannkoch im Leistungssport nur einen Trainer und zusätzlich Peter Born als Chef der Ausbildung, der im Wesentlichen auch für die jüngeren Jahrgänge zuständig war. Das sind zwei hervorragende Fachleute. Aber wir haben das getan, was ich mit dem Vorhaben der Neudefinition – so wie es damals der neugewählte US-Tennis Präsident gemacht hatte – erreichen wollte. Wir haben uns mit Sportdirektor Klaus Eberhard zusammengesetzt und überlegt: Wo wollen wir hin?! Was müssen wir ändern?! Was wollen wir erreichen?!

Was ist dabei heraus gekommen?! Wir sind viele neue Ideen, Vorhaben und Neuerungen angegangen und haben davon auch schon eine Menge umgesetzt. Dabei haben wir auch die Vorgaben des BMI und des DOSB berücksichtigt. Diese werden nicht nur im Tennis helfen, sondern auch in anderen Sportarten. Damit werden die öffentlichen Gelder effektiver eingesetzt und es wird zielorientiert gearbeitet. In der Ausbildung zum Beispiel durch den Online-Campus oder die Neugestaltung und verbesserte Attraktivität des DTB Tennis Kongress‘ in Berlin. Oder die Stärkung der Bundesstützpunkte durch hauptamtliche Bundestrainer, die dort gezielt mit den besten Talenten arbeiten. Und da wäre die verbesserte Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen dem DTB und seinen Verbänden, die auch dazu geführt hat, dass der DTB – wie schon beschrieben – erstmals durch das BMI unterstützt wird und wir den Athleten in den Vordergrund der Arbeit stellen. Vier neue hauptamtliche DTB-Jugend- und -Nachwuchstrainer arbeiten gezielt mit unseren besten Talenten und mit Claudia Kohde-Kilsch und Gerald Marzenell haben wir nun zwei Honorartrainer, die mit den Spezialaufgaben »Tennis unter 14« und »Förderung der neuen Bundesländer« wichtige Aufgaben wahrnehmen. Aber ich will nicht verhehlen, dass ich den Grundsatz, dass man als Trainer nicht in einen Gewohnheitstrott verfallen darf, auch heute noch für richtig und wichtig ansehe. Und ich bin auch nicht bei Jedem beliebt, wenn ich das einfordere. Egal ob im DTB oder im Verband: Jeder Trainer muss sich immer erneut die Frage stellen, wie er seine Aufgabe sieht, welche Motivation er täglich mitbringt und ob er bereit ist, sich den immer neuen Anforderungen zu stellen.

„Angelique hat Unglaubliches geleistet…“

Dirk, kommen wir zur Standortbestimmung: Wie schätzt Du das deutsche Tennis im Damen- und Herrenbereich aktuell im internationalen Wettbewerb ein? Wo stehen wir? Angelique Kerber hat im letzten Jahr Unglaubliches im Damentennis geleistet. Die ganze Breite in Deutschland ist dort vorhanden. Und das Fed-Cup-Team hat vor zwei Jahren mit dem Erreichen des Finals einen großen Erfolg errungen. Da wird es für die nachkommenden Talente schwierig, in die Fußstapfen von Angelique Kerber, Sabine Lisicki, Andrea Petkovic oder Julia Görges zu treten. Diese haben neben Mona Barthel schon sehr bemerkenswerte Leistungen und Resultate gebracht. Aber Anna-Lena Friedsam oder Carina Witthöft sind noch jung und es bleibt zu hoffen, dass da noch eine Leistungssteigerung folgt um die wirklich großen Ziele zu erreichen. Wir haben mit Barbara Rittner und ihren Teammitgliedern Yasmin Wöhr und Dirk Dier seit diesem Jahr festangestellte Trainer im Damenbereich, aber auch mit Uta Strakerjahn und Mike Diehl ein hervorragendes Trainerteam, um dem Nachwuchs zur Seite zu stehen. Deshalb bin ich optimistisch, dass die Erfolge auch weiterhin kommen.

Wie schaut es bei den Herren aus? Bei den Herren kämpften wir viele Jahre immer um den Verbleib in der Weltgruppe. Insbesondere Philipp Kohlschreiber möchte ich an dieser Stelle mal positiv hervorheben. Er hat so viele Male für Deutschland an vorderster Front erfolgreich gekämpft, er ist ein Vorbild und Leitwolf für das Davis-Cup-Team. Ohne ihn wären wir heute nicht mehr in der Weltgruppe. Dieses Jahr allerdings dachte ich, da geht mehr. Mit Alexander Zverev, Philipp Kohlschreiber, Mischa Zverev und Jan Struff hatten wir gegen Belgien ein tolles Team und waren klarer Favorit. Aber irgendwie hat es an dem Wochenende nicht geklappt. Nichts lief so, wie wir es erwartet und erhofft hatten. Das war ärgerlich, insbesondere auch für das Team, dass sich natürlich auch mehr vorgestellt hatte. Für mich war aber viel wichtiger zu sehen, mit welch‘ guter Einstellung und mit welchem Teamgeist und Engagement dieses Team versucht hatte, zu gewinnen. Das war vorbildlich. Deswegen bin ich überzeugt, dass wir gute Davis-Cup-Jahre vor uns haben. Wenn die Mannschaft so zusammen bleibt, wenn Alexander seinen Weg nach oben weiter gehen kann, dann werden wir die schwierigen Zeiten hinter uns lassen und uns auch mal nach oben spielen.

Tommy Haas ist auf Abschiedstour. Wird der DTB sich bemühen, diesen Mann ab 2018 mit in die Geschicke des Verbandes einzubinden? Tommy hat sehr viel für das deutsche Tennis geleistet. Und eines meiner Ziele war es von Anfang an, ehemalige Spieler des DTB in die Arbeit des Verbandes einzubeziehen. Ob Hans-Jürgen Pohmann als Pressechef, Rainer Schüttler als Beirat, Michael Berrer im Marketing oder Björn Phau, Dirk Dier, Yasmin Wöhr, Gerald Marzenell oder Claudia Kohde-Kilsch als Trainer. Das sind schon Beispiele, bei denen es uns in den vergangenen zwei Jahren schon gelungen ist. Und sicher stehen für Tommy alle Türen offen, wenn er interessiert ist, sich im DTB einzubringen. Aber er hat mit der Position des Turnierdirektors in Indian Wells schon eine Aufgabe, von der er selber sagt, das ist sein Traumjob! Und er lebt mit seiner Familie in Kalifornien. Da bin ich nicht sicher, ober er in Deutschland für den DTB Zeit hat. Das wird er selber entscheiden.

„Boris und ich sind älter geworden. Und klüger…“

Und wie verhält es sich mit Boris Becker? In Frankfurt hat er stark damit kokettiert, dem DTB weiterhelfen zu wollen. Die Konstellation Becker: Hordorff hatten wir vor einigen Jahren schon mal. Damals seid Ihr heftig aneinander geraten. Wie ist das Verhältnis heute? Erstmal hat Boris – seitdem ich im Amt bin – immer die Bereitschaft gezeigt, dem DTB zu helfen. Dass er eine hohe Sachkompetenz hat, ist wohl nicht zu diskutieren. Mit Novak Djokovic hat er große Erfolge erzielt. Als Eurosport-Kommentator hat er viele überzeugt. Das Team freut sich jedes Mal, wenn er die Zeit hat, zu einem Davis-Cup-Match zu kommen. Und natürlich freut sich jeder im DTB, wenn Boris Zeit hat, sich einzubringen. Da gibt es nichts zu kokettieren, sondern wir werden auch in Zukunft Möglichkeiten ausloten, wo Boris bereit ist, sich einzubringen. Wir sind beide älter geworden und wie Boris sagte, auch klüger und erfahrener. Ich schätze die Kompetenz und den Sachverstand von Boris Becker und zwischen uns gibt es überhaupt keine Probleme. Und dass Boris für das deutsche Tennis eine Bereicherung wäre, wird von Niemandem angezweifelt.

Kürzlich hast Du Dich, wie schon des Öfteren, sehr positiv über Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner geäußert. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie in ihrer Funktion fest im Sattel sitzt. Was genau hat sie Deiner Meinung nach in ihrer Funktion als Bundestrainerin so außergewöhnlich gut gemacht? Barbara Rittner macht einen super Job. Sie lebt diese Aufgabe und hat einen hohen Sachverstand. Große Verbände haben schon versucht, sie abzuwerben. Aber sie bleibt dem DTB und dem deutschen Tennissport hoffentlich noch lange erhalten. Sie führt ihr Team im Damenbereich, leitet dieses kompetent, ist vom 12-jährigen Talent bis hin zu den Fed-Cup-Spielerinnen immer über alles informiert und ist immer und überall derart engagiert dabei, wie man sich das nur wünschen kann. Und wenn man mal zurück blickt auf den Tag, als sie diese Aufgabe übernommen hat und schaut, wie gut wir heute da stehen, dann kann man ermessen, was Barbara da aufgebaut und geleistet hat.

Wie schaut das bei Rittners männlichem Pendant Michael Kohlmann aus? Sitzt er auch 2018 auf der deutschen Bank? Michael Kohlmann hat vor zwei Jahren das Davis-Cup-Team übernommen. Wenn er das nicht sehr gut gemacht hätte, wäre sein Vertrag 2016 nicht verlängert worden. Aber die Gespräche über die neue Saison 2018 werden wir wie vereinbart nach der Saison 2017 führen. Und die Verlängerung seiner Davis-Cup-Tätigkeit wird nicht über ein Interview bekannt gegeben, sondern in einer Presseerklärung des DTB. Außerdem ist Michael ja auch noch für die Nachwuchsarbeit im B-Kader-Bereich zuständig und da hat er einen Vertrag über das Jahr 2017 hinaus. Und der männliche Nachwuchs zeigt auch, dass es nach oben geht. Gerade unsere B-Kader-Spieler, die in der Base in Oberhaching trainieren, haben eine sehr gute Entwicklung dieses Jahr genommen. Auch Daniel Altmaier hat in diesem Jahr den Durchbruch geschafft. Er trainiert in Berlin mit unserem Honorartrainer Markus Hornig. Unsere Junioren, angeführt von Louis Wessels, der bei Peter Pfannkoch in Hannover jetzt nach dem Abi im Profibereich angreifen wird, wie auch Marvin Moeller, der noch zur Schule geht und in Hamburg mit Guido Fratzke arbeitet sowie Rudi Moelleker haben im vergangenen Jahr die gewünschten und erhofften Leistungsschübe gemacht und Erfolge sowohl auf ITF-, als auch auf ATP-Ebene bei den Profis erreicht. Und jetzt haben wir bei Björn Phau in München und Jan Velthuis in Hannover zwei neue Gruppen 14- bis 16-Jähriger, die frühzeitig gute Trainingsmöglichkeiten bekommen.

Dirk, wir danken Dir für dieses Gespräch und wünschen Dir ein gutes Händchen, wenn es darum geht, den deutschen Tennissport an der Basis sowie an der Spitze vernünftig zu positionieren! Vielen Dank! Das ist eine Aufgabe, die wir alle angehen müssen. Nicht nur an der Spitze, sondern in allen Bereichen. Ich möchte erstmal allen denen danken, die – ohne im Rampenlicht zu stehen – mithelfen, Tag für Tag den Tennissport ehrenamtlich zu organisieren. Das sind die wirklichen Macher, die uns nach vorne bringen und leider viel zu wenig für ihr Engagement gewürdigt werden. Erfolge im Spitzensport sind wichtig und schön, aber es ist auch sehr wichtig, dass wir nicht vergessen, wofür Tennis außerdem stehen kann: Millionen Tennisspielern täglich Freude am Sport zu bereiten und schlussendlich die nicht zu vergessen, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung auch am Sport teilhaben möchten. Außerdem soll Tennis Ausländern oder Migranten den Einstieg in unsere Gesellschaft ermöglichen.

Über Christoph Kellermann 502 Artikel
Christoph Kellermann kennt den Tennissport aus dem Eff-Eff. Seit 1980 ist er am Ball. Zunächst als Spieler, dann als Coach. Seit vielen Jahren ist er als Mitglied des Verbandes Deutscher Sportjournalisten redaktionell aktiv. 1990 gründete er den heutigen »TWNR«, ehemals »Tennisredaktion.de«...